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Wenn Wiener in Wien umziehen…

…dann kommen sie oft nicht weit

#wieninzahlen-Chart Story #8 (02/2020)

Jeder zehnte Wiener zieht einmal im Jahr in der Stadt um. Das sind 180.000 Übersiedlungen in 12 Monaten; jeden Tag 500 Menschen, die Kisten ein- und auspacken, Möbel schleppen, Regale aufbauen… Das Ausmaß dieser Wanderungen innerhalb Wiens wird öffentlich kaum wahrgenommen. Die Wiener Landesstatistik hat sich das Thema genauer angesehen und vier Grafiken für den 1×1-Blog gestaltet.

Es gibt viele Gründe für einen Umzug: Man zieht mit Partner oder Partnerin zusammen, Kinder benötigen mehr Platz oder ziehen aus, die Wohnung hat nicht die richtige Größe, man findet etwas Passenderes,… Das erzeugt eine enorme Dynamik an Binnenumzügen, also Übersiedlungen im Wiener Stadtgebiet.

Die 20- bis 30-Jährigen übersiedeln am häufigsten – und dreimal öfter als andere Altersgruppen. Aber wohin ziehen die Menschen in Wien um? Die kurze Antwort ist: Sie bleiben oft im Grätzl oder zumindest in der Nähe. Offenbar fühlt man sich in der Nachbarschaft wohl, Familie und Freunde wohnen in der Nähe, man findet sich zurecht, kennt Geschäfte und Lokale. Die detaillierteren Antworten zur starken Nachbarschaftsbindung der Wiener sind wohl komplizierter; für uns als Landesstatistik ist das Umzugsverhalten aber elementar, z. B. für die Erstellung kleinräumiger Bevölkerungsprognosen.

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Das Toblersche „Erste Gesetz der Geographie“ besagt, dass „alles mit allem zusammenhängt, nähere Dinge hängen aber stärker zusammen als weiter entfernte.“ Das Umzugsverhalten der Wienerinnen und Wiener und die Liebe zu ihren Grätzln und Heimatbezirken beweist das eindrucksvoll: Von den fast 900.000 Umzügen in Wien zwischen 2014 und 2018 fanden immerhin 8 % innerhalb desselben Grätzls (Zählbezirk) statt. Wäre das Umzugsziel vom Zufall gesteuert, sollten es gerade einmal 0,4 % sein (unter der hehren Annahme, dass das Wohnungsangebot in allen Grätzln gleich groß ist). 27 % haben in ihrem Bezirk die Wohnadresse gewechselt; nach Zufallsverteilung wären es nur 4 %. In der Nähe zu bleiben ist also eine Entscheidung.

Übersicht: Wo leben die meisten Wienerinnen und Wiener?

Bezirksgruppe Bevölkerung
(Durchschnitt 2014–2018)
Anteil an Wien gesamt
Innenbezirke
(1.–9., 20.)
500.000 27 %
Außenbezirke
(10.–19., 23.)
1.000.000 54 %
Bezirke nördlich der Donau,
„Transdanubien“ (21.–22.)
350.000 19 %
Wien gesamt 1.850.000 100 %

 

In den Innenbezirken wird mehr umgezogen

Um einen ersten Überblick zu gewinnen, haben wir die 23 Wiener Bezirke in drei Gruppen zusammengefasst und die Anzahl der Umzüge 2014 bis 2018 innerhalb und zwischen diesen drei Bezirksgruppen dargestellt. Je mehr Rot, desto mehr Umzüge.


Grafik: Wohin ziehen die Wienerinnen und Wiener in Wien um? – Rohdaten

Ein Blick in die drei Spalten (Zielbezirksgruppen) macht deutlich: Die meisten Umzüge finden innerhalb derselben Bezirksgruppe statt. Über die Hälfte aller Umzüge in die Innenbezirke hatte dort ihren Ursprung. Mehr als zwei Drittel der Umzüge in die Außenbezirke kommen aus den Außenbezirken. Bei Umzügen nach „Transdanubien“ liegen ebenfalls die bereits dort Ansässigen vorne, mit 45 % aber nicht mehr so deutlich. Bei den vielen Neubaugebieten in Floridsdorf und der Donaustadt, die auch für Menschen aus den Innen- und Außenbezirken attraktiv sind, überrascht das nicht.

Umzugsziel Nachbarschaft

Nach der Vereinfachung im ersten Schritt mit Blick auf nur drei Bezirksgruppen zoomen wir nun in die räumlichen Details der Wiener Umzugsdynamik: Aus welchen Grätzln stammen, in welche Grätzl zogen die Wienerinnen und Wiener? Dafür haben wir alle Herkunfts- und Zielgebiete der innerstädtischen Umzüge zwischen 2014 und 2018 in einer 250×250-Matrix dargestellt. Grundlage sind die 250 statistischen Zählbezirke Wiens, die in etwa Grätzln entsprechen.


Grafik: Umzüge in Wien von Grätzl nach Grätzl – Rohdaten

Auch für diese Grafik gilt: Je mehr Rot, desto mehr Umzüge. Einige Farbmuster stechen hervor:

  • Viele stark rot gefärbte, größere (Bezirks-)Quadratmuster verdeutlichen die überdurchschnittliche Häufigkeit von Umzügen innerhalb eines Bezirks. Insgesamt haben 27 % der innerstädtischen Umzüge Ursprung und Ziel im selben Bezirk.
  • Einige benachbarte Bezirke bilden zusammen ebenfalls größere rote Quadratmuster, von uns als „Super-Kacheln“ bezeichnet. Besonders viele Menschen, die in einen anderen Bezirk ziehen, bleiben trotzdem in der Nähe ihrer alten Nachbarschaft. Das gilt zum Beispiel für Umzüge vom 8. in den 9. Bezirk oder vom 16. in den 17.
  • Besonders beeindruckend ist die rote Grätzl-Diagonale, die sich von links oben nach rechts unten durch die Darstellung zieht: Sie zeigt, dass überdurchschnittlich viele Wienerinnen und Wiener nicht nur im selben Bezirk, sondern auch im selben Grätzl bleiben. Wie bereits erwähnt betrifft das insgesamt 8 % aller innerstädtischen Übersiedlungen und übersteigt somit den zu erwartenden Zufallswert um das Zwanzigfache.
  • Einige ganz weiße vertikale oder horizontale „Linien“ stellen Zählbezirke mit einer sehr geringen Zahl von Umzügen dar. Dieses Linienmuster deutet nicht darauf hin, dass dort besonders sesshafte Bewohnerinnen oder Bewohner leben würden; tatsächlich handelt es sich um Gebiete mit geringen Einwohnerzahlen, in denen folglich weniger Umzüge stattfinden. Einige solcher Grätzl findet man zum Beispiel im Norden von Floridsdorf (21. Bezirk).
  • Sonderfall City: Ähnlich wie bei den erwähnten Gegenden mit wenig Einwohnern verhält es sich mit den Grätzln im ersten Bezirk. In den jeweiligen Zeilen bzw. Spalten der Grafik findet sich weniger rot als anderswo, weil es sich um den „kleinsten“ Bezirk handelt und somit dort nur wenige Menschen umziehen. Die meisten Umzüge der Inneren Stadt gehen in bzw. kommen aus andere(n) Innenbezirke(n).

Das Gesetz der Geographie

Die letzte Grafik basiert ebenfalls auf den Daten der 250×250-Matrix, diesmal in Form von 23 Kartogrammen. Diese stellen die Zuzüge in jeden der 23 Wiener Bezirke nach ihrer Herkunft dar. Je stärker das Rot in den kleinen Quadraten, desto mehr Zuzüge aus dem entsprechenden Grätzl in den Zielbezirk. Anders als in der Matrix (oben) handelt es sich hier um den Prozentanteil der Zuzüge in den jeweiligen Zielbezirk nach Herkunftsgrätzl zwischen 2014 und 2018.

Die Darstellung von Anteilen (statt absoluten Umzugszahlen) macht die Trends in den unterschiedlich bevölkerten Zielbezirken vergleichbar. Daher Achtung: Im Gegensatz zur Matrix ist in unserer letzten Grafik ein stark rot gefärbtes Quadrat im Zielbezirk Floridsdorf nicht unbedingt mit einem stark rot gefärbten Quadrat des Zielbezirks Innere Stadt vergleichbar. 3 % aller Zuzüge im bevölkerungsstarken 21. Bezirk sind in absoluten Zahlen wesentlich mehr als 3 % aller Umzüge in die kleine City.

Was diese Darstellungsform auf den ersten Blick verdeutlicht: Umzüge in einen bestimmten Bezirk gehen sehr häufig auf Wienerinnen bzw. Wiener zurück, die schon vorher in diesem Bezirk oder in der Nachbarschaft gelebt haben (vgl. die „Super-Kacheln“ in der 250×250-Matrix). Das gilt im Wesentlichen für alle 23 Bezirke; die häufigsten, d. h. rot hervorstechenden, Herkunftsgrätzl in den 23 Kartogrammen konzentrieren sich auf und um die jeweiligen Zielbezirke. Toblers Erstes Gesetz der Geographie wird sichtbar: Alles hängt zusammen; aber Näheres eben stärker als weiter Entferntes. Die Donau bildet kein großes Hindernis für solche Beziehungen, da gute Verbindungen des öffentlichen und Individualverkehrs die physische Trennung überbrücken: Zwischen Floridsdorf (bzw. der Donaustadt) und der Brigittenau (bzw. der Leopoldstadt) wird besonders oft umgezogen.

Der erste Bezirk ist dagegen als Herkunftsgebiet von Umzügen (zumindest in unserer Grafik) ein graues Loch: Wie erwähnt leben dort vergleichsweise wenige Menschen, weshalb es weniger Wegzüge gibt. Und wenn, dann bleiben die Wegzüge aus der Inneren Stadt – wie bereits in der Matrix sichtbar – vor allem im Bezirk oder zumindest innerhalb des Gürtels.


Grafik: Wer in Wien umzieht, kommt oft nicht weit? – Rohdaten

Home is where my Grätzl is

Wer innerhalb Wiens umzieht, bleibt seiner alten Heimat oft treu: Überdurchschnittlich viele Wienerinnen und Wiener wechseln beim Umzug nicht einmal das Grätzl. Die Gründe für diese Nachbarschaftsbindung sind vermutlich vielfältig: Der Wunsch, nahe bei Freunden oder Familienangehörigen zu wohnen; die Tatsache, dass man in seiner alten Umgebung eher mitbekommt, wenn eine Wohnung frei wird; die hohe Zufriedenheit mit dem Grätzl, die man lieber nicht durch einen Umzug ins Unbekannte riskieren möchte; einen emotionalen Bezug zur Gegend, in der man selbst aufgewachsen ist,…

Viele Wienerinnen und Wiener fühlen sich (wie sicherlich die meisten Menschen) mit ihrer Wohnumgebung verbunden. Diese Beziehungen wirken positiv auf die eigene Lebensqualität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Daher sollten sie gefördert werden: z. B. indem Anrainer bei Bauprojekten gehört werden („Bürgerbeteiligung“), die Stadt sich um eine funktionierende Nahversorgung und Kulturangebote im Grätzl kümmert (siehe die MEIN WIEN Grätzl-Karte) und durch eine dezentrale und transparente Verwaltung, in der Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden – wie es über die Bezirksvertretungen und Bezirksvorstehungen in Wien schon vor 100 Jahren eingerichtet wurde.

 

Weiterführende Informationen

Erweiterte Rohdaten dieses Beitrags im Excel-Format
Wanderungsstatistik Wien

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