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Auf dem Weg zurück zur Zwei-Millionen-Stadt – die Entwicklung der Wiener Bevölkerung

Teil 2: Das Comeback einer demographisch gealterten Stadt (1910–2018)

von Ramon Bauer und Klemens Himpele

Heute ist Wien eine junge und wachsende Metropole im Herzen Europas. Dem war nicht immer so: Bevölkerungsrückgänge und -stagnation prägten die Altersstruktur der Wienerinnen und Wiener über weite Teile des 20. Jahrhunderts. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg war Wien eine stark gealterte Stadt. In den letzten 30 Jahren erlebte die Donaumetropole allerdings ein beachtliches Comeback.

Nachdem im ersten Teil dieser Blogserie zur Bevölkerungsentwicklung Wiens die Entstehung einer Metropole (1850–1910) nachgezeichnet wurde, steht nun die Bevölkerungsalterung Wiens im 20. Jahrhundert und die demographische Trendwende seit den 1980er-Jahren bis heute im Mittelpunkt. Ein dritter Beitrag wird schließlich die aktuelle Bevölkerungsprognose für Wien (2018 – 2048) behandeln.

Bevölkerungsentwicklung im 20. Jahrhundert

Wien entwickelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zur Metropole, und erreichte im Jahr 1910 mit 2,08 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern den bisherigen Bevölkerungshöchststand. Der Erste Weltkrieg stoppte das enorme Bevölkerungswachstum und führte letztendlich zum Zerfall der Donaumonarchie. Wien wurde damit für die Bevölkerung der Nachfolgestaaten zum Ausland, eine Rückwanderungswelle setzte ein. Darüber hinaus konnten seit dem Ersten Weltkrieg die Sterbefälle nicht mehr durch die Geburten ausgeglichen werden. Es begann die lange Phase der Geburtendefizite, die – besonders deutlich während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre – fast ein ganzes Jahrhundert andauern sollte. Lediglich während dem „Anschluss-Babyboom“ ab 1938/39 und in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es mehr Geburten als Sterbefälle.

Vertreibung und Flucht in der Nazizeit, der Mord an der jüdischen Bevölkerung Wiens sowie Abwanderungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sorgten dafür, dass nach dem Krieg nur noch gut 1,6 Millionen Menschen in Wien lebten. Insgesamt verlor Wien zwischen 1910 und 1988, als der Bevölkerungsstand mit knapp unter 1,5 Millionen am niedrigsten war, nahezu ein Drittel seiner Bevölkerung. Seit Beginn der 1990er-Jahre verzeichnet Wien wieder ein deutliches Bevölkerungswachstum aufgrund von Zuwanderungsgewinnen, die insbesondere im 21. Jahrhundert sehr kräftig ausfielen. Gründe dafür sind neben der Attraktivität Wiens der Beitritt Österreichs zur EU, geopolitische Krisen (Zerfall des Ostblocks, Zerfall und Kriege im ehemaligen Jugoslawien, zuletzt Kriege im Nahen Osten), die EU-Osterweiterung und seit 2004 auch ein zunehmender Geburtenüberschuss.


Grafik: Komponenten der Bevölkerungsentwicklung in Wien

Der demographische Wandel Wiens im 20. Jahrhundert wirkte sich aber nicht nur auf die Einwohnerzahl aus, sondern beeinflusste auch deren Alters- und Geschlechtsstruktur. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg setzte in Wien der Prozess der demographischen Alterung ein und erreichte nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Höhepunkt, bevor sich die Bevölkerung der Stadt wieder verjüngte. Diese dynamischen Entwicklungen lassen sich bestens anhand der Veränderungen der Wiener Bevölkerungspyramiden zwischen 1910 und 2018 nachvollziehen.

Demographische Alterung nach 1910

Im Jahr 1910, als die Stadt den historischen Bevölkerungshöchststand von 2,08 Millionen erreicht hatte, entsprach die Visualisierung der Wiener Alters- und Geschlechtsstruktur durchaus noch der Form einer Pyramide. Allein die Altersgruppe der Kinder (unter 15 Jahren) war infolge des seit den 1890er-Jahren anhaltenden Fertilitätsrückgangs zahlenmäßig schwächer besetzt als deren Elterngeneration. Der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen (zwischen 15 und 39 Jahren) war im Wien des Jahres 1910 mit 47,7 %, nicht zuletzt aufgrund der starken Zuwanderung junger Erwachsener aus zumeist ländlichen Regionen der damaligen Donaumonarchie, noch außerordentlich hoch. Dagegen war der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre mit gerade einmal 4,4 % nahezu verschwindend gering. Dementsprechend lag das Durchschnittsalter im Wien des Jahres 1910 bei jugendlichen 29,6 Jahren.

Der Erste Weltkrieg stellte für die Bevölkerungsentwicklung in Wien eine deutliche Zäsur dar. Die Volkszählung 1923 ergab einen Bevölkerungsstand von 1,92 Millionen und damit um 160.000 weniger als im Jahr 1910. Neben der erhöhten Sterblichkeit während und nach dem Krieg kam es unmittelbar nach Kriegsende auch zu einer Abwanderungswelle in die Nachfolgestaaten der sich auflösenden Monarchie – siehe dazu den Blogartikel Sterben in Wien. Obwohl die zuvor starke Zuwanderung aus den vormaligen Kronländern nach der Gründung der 1. Republik ausblieb, verzeichnete Wien zwischen 1923 und 1934 aufgrund der weiterhin anhaltenden Binnenmigration, vor allem aus Niederösterreich und dem Burgenland, wieder eine positive Migrationsbilanz. Dadurch konnte die nun deutlich negative Geburtenbilanz weitgehend ausgeglichen werden und die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner veränderte sich zwischen 1923 und 1934 nur wenig. Allerdings kam es zu drastischen und nachhaltigen Veränderungen in der Altersstruktur der Wiener Bevölkerung.



Grafiken: Wiener Bevölkerungspyramide 1910 und 1934

Die Bevölkerungspyramide des Jahres 1934 weist infolge der Geburtenausfälle während des Ersten Weltkriegs und stark sinkender Geburtenzahlen aufgrund der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre tiefe Einschnitte bei den jüngeren Altersgruppen auf. Bei den über 20-Jährigen hatte sich der Frauenüberhang, der bereits in der Altersstruktur des Jahres 1910 im Ansatz sichtbar war, noch deutlicher ausgeprägt. Dafür verantwortlich waren die generell höhere Lebenserwartung von Frauen, die Folgen des Ersten Weltkriegs und die verstärkte Zuwanderung jüngerer Frauen aus ländlichen Umlandregionen nach Wien.

Aufgrund des weiter anhaltenden Geburtenrückgangs verdoppelte sich der Anteil der über 65-Jährigen zwischen 1910 und 1934 nahezu auf 8,2 % und das Durchschnittsalter stieg um mehr als sieben Jahre auf 37,4 Jahre an. Zwischen 1934 und 1951 – in der Periode vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg – verlor Wien 17 % seiner Bevölkerung und die Einwohnerzahl der Stadt sank um 320.000 auf 1,62 Millionen. Etwa die Hälfte des drastischen Rückgangs war auf die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Wienerinnen und Wiener zurückzuführen. Dazu kamen militärische und zivile Kriegsopfer und eine während dieser Periode generell negative Geburten- und Migrationsbilanz.

Die Bevölkerungspyramide des Jahres 1951 zeigt eine gealterte Bevölkerung mit einem noch deutlicherem Frauenüberhang, speziell in der Altersgruppe über 50 Jahre: auf 100 Männer dieser Altersgruppe kamen bereits 152 Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 40,2 Jahren. Neben den tiefen Einschnitten als Folge der Geburtenausfälle während der beiden Weltkriege und der Geburtenrückgänge während der Weltwirtschaftskrise sind auch die Babyboom-Perioden nach dem Anschluss an Nazideutschland 1938 deutlich zu sehen.



Grafiken: Wiener Bevölkerungspyramide 1951 und 1971

Der Bevölkerungsstand veränderte sich zwischen 1951 und 1971 nur geringfügig, die Alterung der Wiener Bevölkerung schritt aber weiter voran. Daran konnte auch der Nachkriegsbabyboom der 1960er-Jahre, der in Wien nicht besonders stark ausgeprägt war, nicht viel ändern. Der Anteil der über 65-Jährigen und das Durchschnittsalter stieg bis 1971 weiter an – auf 19,9 % bzw. 41,8 Jahre.

In den 1960er- und 1970er-Jahren galt Wien als eine der demographisch ältesten Städte der Welt. Vom US-amerikanischen Demographen Ansley Coale, der Wien damals besuchte, stammt das folgende (frei übersetzte) Zitat: „Wenn Sie wissen wollen, wie sich Bevölkerungen mit geringer Fertilität in Zukunft entwickeln werden, dann gehen Sie auf die Straßen von Wien und schauen Sie sich all die mürrischen alten Damen an“. Tatsächlich kamen im Jahr 1971 auf 100 Männer im Alter von über 50 Jahren 170 Frauen in dieser Altersgruppe. Ein großer Teil dieser Frauen wanderte in der Zwischenkriegszeit nach Wien zu. Während den wirtschaftlich schwierigen Zeiten der 1920er- und 1930er-Jahre blieben viele von ihnen partner- und kinderlos. Andere verloren ihre Männer im Zweiten Weltkrieg.

Bevölkerungstiefststand und Verjüngung

Während der 1970er- und 1980er-Jahre ging die Bevölkerungszahl in Wien trotz positiver Migrationsbilanz weiter zurück. Die Zuwanderung von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern und (etwas später) deren Familien aus Jugoslawien und der Türkei konnte die negative Geburtenbilanz nicht kompensieren. Aufgrund der gealterten Bevölkerung und des geringen Fertilitätsniveaus kam es weiterhin zu deutlich mehr Sterbefällen als Geburten. Im Jahr 1988 verzeichnete Wien mit nur noch 1,48 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern den Bevölkerungstiefststand im 20. Jahrhundert. Da im Laufe der 1980er-Jahre die jährlichen Geburtendefizite langsam zu sinken begannen und die Zuwanderung wieder zunahm, stieg auch die Zahl der Wienerinnen und Wiener nach 1988 langsam wieder an. Damit war der Höhepunkt der demographischen Alterung Wiens im 20. Jahrhundert überwunden.

Im Jahr 1991 lebten wieder etwas mehr als 1,5 Millionen Menschen in Wien. Der Anteil der über 65-Jährigen (18,3 %) und das Durchschnittsalter (41,1 Jahre) sanken, und das Geschlechterverhältnis normalisierte sich. Im Alter von 50 Jahren und mehr kamen aber noch immer 158 Frauen auf 100 Männer. Der Anteil der jüngeren Erwachsenen (unter 40 Jahre) war aufgrund der Wanderungsgewinne der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre wieder deutlich angestiegen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und im Zuge der Kriege im zerfallenden Jugoslawien kamen vermehrt Zuwanderer und Zuwanderinnen aus diesen Regionen.



Grafiken: Wiener Bevölkerungspyramide 1991 und 2018

Seit den frühen 1990er-Jahren, speziell seit der Jahrtausendwende, verzeichnete Wien eine enorme Bevölkerungszunahme. Zwischen 1991 und 2018 stieg die Einwohnerzahl um nahezu 390.000 Menschen auf 1,89 Millionen an. In weniger als drei Jahrzehnten war Wien um mehr als die Bevölkerungszahl von Linz und Salzburg zusammen gewachsen und hat sich dabei demographisch weiter verjüngt. Heute ist keine Altersgruppe so stark besetzt wie die Bevölkerung im Hauptalter der Familiengründung zwischen 25 und 35 Jahren. Aufgrund des hohen Elternpotenzials ist auch die Anzahl der Geburten gestiegen: nach nahezu einem Jahrhundert ist die Geburtenbilanz in Wien seit 2004 wieder durchgehend positiv und im Jahr 2016 gab es mit 20.804 Neugeborenen sogar einen neuen Geburtenhöchststand der Nachkriegsperiode.

Der Frauenüberhang in der Wiener Bevölkerung ist mittlerweile auf ein normales Maß zurückgegangen und ist nur noch in der Altersgruppe über 70 Jahre deutlich ausgeprägt. Das Geschlechterverhältnis lag im Jahr 2018 insgesamt bei 105 Frauen auf 100 Männer und in der Altersgruppe der über 50-Jährigen bei 120 Frauen auf 100 Männer. Obwohl die geburtenstarken Jahrgänge der späten 1930er- und 1940er-Jahre heute bereits das Pensionsalter erreicht haben, lag 2018 der Anteil der über 65-Jährigen bei gerade einmal 16,5 % und das Durchschnittsalter war auf 40,8 Jahre gesunken. Seit 2015 ist Wien sogar das jüngste Bundesland Österreichs – siehe dazu die #wieninzahlen-Chart-Story „Für immer Jung?“.


Grafik: Wien ist seit 2015 das jüngste Bundesland Österreichs

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Wien von einer der bevölkerungsreichsten Städte der Welt zu einer schrumpfenden und demographisch gealterten Stadt – und wieder zurück zu einer jungen und wachsenden europäischen Metropole. Der entscheidende Einflussfaktor für diese Bevölkerungsdynamik war Migration. Denn die Gesamtfertilitätsrate liegt in Wien seit einem Jahrhundert unterhalb des demographischen Reproduktionsniveaus (von zumindest zwei Kindern pro Frau) und die durchschnittliche Lebenserwartung der Wienerinnen und Wiener hat sich in diesem Zeitraum verdoppelt. Ohne ausreichende Zuwanderung junger Menschen würde Wien rasch demographisch altern und bald darauf auch wieder schrumpfen.

Bevölkerungsentwicklung in Wien 1910–2018
Jahr Bevölkerungsstand Durchschnittsalter (in Jahren) Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre (in %) Anzahl der Frauen pro 100 Männer in der Altersgruppe 50+
1910 2.083.630 29,6 4,4 133
1934 1.935.881 37,4 8,2 135
1951 1.616.125 40,7 13,3 152
1971 1.621.150 41,8 19,9 170
1991 1.502.772 41,1 18,3 158
2018 1.888.776 40,8 16,5 120

Quellen: Weigl (2000), Statistische Jahrbücher der Stadt Wien, Statistik Austria

Wie sich die Wiener Bevölkerung in Zukunft entwickeln könnte, ob die Stadt weiter wachsen wird oder nicht, ob der Anteil der älteren Wienerinnen und Wiener weiter zurückgehen wird oder doch wieder ansteigen könnte und wie sich die Bevölkerung in den Wiener Gemeindebezirken und Zählbezirken verteilen wird, damit befasst sich der 3. Teil dieser Blogserie (erscheint in Kürze).

Weitere Beiträge dieser Serie

 

Literatur und Datenquellen

Lutz, W. and Hanika, A. (1989). Vienna: A City Beyond Ageing. AAAS Bulletin, Vol. 42, No. 4.
Lutz, W., Scherbov, S. and Hanika, A. (2003). Vienna: A City Beyond Ageing – revisited and revised. Vienna Yearbook of Population Research 2003, Vol.1, pp.181-195. Vienna Institute of Demography, Austrian Academy of Sciences.
Weigl, A. (2000). Die Wiener Bevölkerungen in den letzten Jahrhunderten. Statistische Mitteilungen 4/2000 der Stadt Wien.
Weigl, A. (2000). Demographischer Wandel und Modernisierung in Wien. Wien: Pichler Verlag.
Statistische Jahrbücher der Stadt Wien
Statistik Austria: Bevölkerungsstand und -bewegungen
Bevölkerungsgeschichte Wiens im Wien Geschichte Wiki

 

Zu den Autoren

  • Ramon Bauer ist stellvertretender Leiter des Dezernats Statistik Wien der Magistratsabteilung 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien.
    @metropop_eu
  •  

  • Klemens Himpele ist Leiter der Magistratsabteilung 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien.
    @KHimpele

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