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Auf dem Weg zurück zur Zwei-Millionen-Stadt – die Entwicklung der Wiener Bevölkerung

Teil 1: Eine Metropole entsteht (1850–1910)

von Ramon Bauer und Klemens Himpele

Mit 1,9 Millionen EinwohnerInnen ist Wien heute nach London, Berlin, Madrid, Rom und Paris die sechstgrößte Stadt der Europäischen Union und zählt zu den Metropolen des Kontinents. Die Geschichte der Stadt ist durchaus wechselhaft und geprägt von starken Bevölkerungsveränderungen – sowohl in der Anzahl, als auch in der demographischen Zusammensetzung.

Wien wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Metropole, erreichte 1910 die höchste Einwohnerzahl seiner Geschichte und war nach den beiden Weltkriegen eine demographisch gealterte Stadt. Heute ist Wien eine junge Metropole im Herzen Europas und Prognosen gehen davon aus, dass die Stadt in acht Jahren wieder zwei Millionen EinwohnerInnen zählen wird. Wir wollen daher in drei Blogbeiträgen die Bevölkerungsentwicklung Wiens nachzeichnen. Im ersten Teil geht es um die Entstehung einer Metropole (ca. 1850–1910), der zweite Teil befasst sich mit der Alterung Wiens im 20. Jahrhundert und der demographischen Trendwende seit den 1980er-Jahren bis heute (1910–2018). Ein dritter Beitrag behandelt schließlich die aktuelle Bevölkerungsprognose für Wien (2018–2048).

Eine kurze Geschichte der Bevölkerungsentwicklung Wiens

Die Besiedlung des Wiener Beckens reicht bis in die Jungsteinzeit zurück, die Römer errichteten schon im 1. Jahrhundert n. Chr. eine Festung im heutigen Stadtzentrum mit der angeschlossenen Zivilstadt Vindobona. Heinrich II. Jasomirgott machte Wien 1155 zur Hauptstadt der Markgrafschaft Österreich. Einigermaßen verlässliche Bevölkerungsschätzungen liegen aber erst ab 1590 vor. Die erste Volkszählung in Wien fand 1754 unter Maria Theresia statt, weiter zurückliegende EinwohnerInnenzahlen wurden aus der Zahl der Geburten- und Sterbefälle und zeitgenössischen Stadtdarstellungen (z. B. Häuserzählungen) geschätzt.

Das durchschnittliche Bevölkerungswachstum in Wien war im 17. und 18. Jahrhundert moderat und lag zwischen 0,5 und 1,0 % pro Jahr. Um 1600 lebten im heutigen Wiener Stadtgebiet etwa 50.000 Menschen, ein Jahrhundert später waren es bereits 125.000 EinwohnerInnen, bis zum Jahr 1800 verdoppelte sich die Bevölkerung ein weiteres Mal auf etwa 260.000 EinwohnerInnen. In dieser Zeit – 1804 – wurde Wien die Hauptstadt des neu entstandenen Kaisertums Österreich.

Die Bevölkerungsentwicklung verlief dabei nicht kontinuierlich, insbesondere brachen immer wieder Epidemien aus – etwa die letzte Pest von 1713 mit rund 2.000 Toten, der wir die Karlskirche verdanken. Choleraepidemien dürften zwischen 1831 und 1873 etwa 18.000 Opfer gefordert haben und auch Typhus suchte die Stadt – etwa 1809 – heim. Diese Epidemien verebbten mit der Fertigstellung der ersten Hochquellenleitung 1873 und anderen Infrastrukturmaßnahmen, die zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen führten – mehr zum Sterben in Wien finden Sie hier.

Verschiedene Ursachen, auf die weiter unten eingegangen wird, ließen Wien dann zur Metropole wachsen: im Jahr 1910 erreichte Wien mit 2,08 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern den bisherigen Bevölkerungshöchststand. Wien war damit nach London, New York, Paris und Chicago und knapp vor Berlin die fünftgrößte Stadt der Welt.


Grafik: Bevölkerungsentwicklung in Wien nach heutigem Gebietsstand seit 1590

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges im Jahr 1914 stellt für die Bevölkerungsentwicklung in Wien eine Zäsur dar (dazu im 2. Teil dieser kleinen Serie mehr). Abwanderungswellen infolge der beiden Weltkriege und hohe Geburtendefizite während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre sorgten dafür, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch gut 1,6 Millionen Menschen in Wien lebten. Im Jahr 1988 hatte Wien lediglich 1,48 Millionen EinwohnerInnen, bevor die Stadt insbesondere im 21. Jahrhundert wieder deutliche Bevölkerungszugewinne verzeichnen konnte.

Wien wird zur Metropole

Der Grafik oben ist zu entnehmen, dass es während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein rasantes Anwachsen (mit jährlichen Wachstumsraten von bis zu 3,5 %) der Wiener Bevölkerung gab, das 1910 den Höhepunkt fand. Diese beachtliche Entwicklung hat mehrere Ursachen, auf die hier kurz eingegangen werden soll.

Die Jahrzehnte vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges waren eine relativ friedliche Periode für Österreich-Ungarn. Zwischen 1866 (Schlacht bei Königgrätz) und 1914 (Ausbruch des 1. Weltkriegs) fanden nur kleinere kriegerische Auseinandersetzungen statt. Dies begünstigte die Entwicklung der Hauptstadt Wien als Zentrum eines multinationalen Kaiserreichs, entscheidend für das Bevölkerungswachstum waren aber andere – ökonomische, technische, medizinische und soziale – Faktoren.

Wie in anderen kontinentaleuropäischen Ländern setzte die Industrialisierung in Österreich deutlich zeitverzögert ein. In England hatte sie bereits Ende des 18. Jahrhunderts begonnen, in Österreich auf breiterer Basis in den 1830er-Jahren. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte sie immer wieder Rückschläge, zudem bestand eine erhebliche Kapitalknappheit. Kaiser Franz I. (1804-1835) war zudem – allerdings erfolglos – bemüht, eine Ballung proletarischer Massen in Wien zu verhindern. Durch die Entwicklung eines Binnenmarktes innerhalb des Kaisertums Österreich nach Ende der Napoleonischen Kriege 1815 war die Industrialisierung in Österreich nicht mehr aufzuhalten. Damit verbunden setzte eine steigende Zuwanderung (nun auch aus den böhmischen Ländern) nach Wien ein – sinnbildlich hierfür ist die Eröffnung der ersten Bahnstrecke von Floridsdorf nach Deutsch-Wagram 1837 und der Bau großer Kopfbahnhöfe ab 1838. Damals entstanden unter anderem Südbahnhof, Nordbahnhof und Nordwestbahnhof, deren Areale heute wichtige Stadtentwicklungsgebiete darstellen.

Die Industrialisierung zog zahlreiche ökonomische, gesellschaftliche und demographische Veränderungen nach sich: Die Landwirtschaft verlor an Bedeutung, die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort wurde vollzogen, Transportwege wurden durch die Eisenbahnen revolutioniert, Fabriken benötigten eine erhebliche Anzahl an Arbeitern. Diese Faktoren führten nicht nur in der Habsburgermonarchie zu massiven Urbanisierungsprozessen. Im Zeitraum von 1867 bis 1873 kam es zu einem „Gründerzeitboom“, was 1873 zunächst in der Weltausstellung in Wien und dann im „Gründerkrach“ (Börsenkrach von 1873) und einer anschließenden Stagnationsphase mündete. Jedenfalls stärkte die Industrialisierung die Bedeutung der Städte als neue Zentren der kapitalistischen Produktionsweise. Auch Wien entwickelte sich damals zu einer wichtigen Industriestadt.

Insbesondere landwirtschaftlich geprägte Regionen konnten mit der neu entstandenen, günstigeren Massenproduktion nicht mithalten. Viele Menschen gaben diese Erwerbsmöglichkeit daher gezwungenermaßen auf und verließen ihre Heimat. Anziehungspunkte waren einerseits das ferne Amerika mit dem stärksten Auswanderungsjahr aus Österreich-Ungarn 1907, andererseits und vor allem das (vergleichsweise) nahe Wien als Zentrum der Monarchie. Dies führte zu Wanderungsbewegungen in bisher unbekanntem Ausmaß aus ländlichen Gebieten in die Donaumetropole.


Grafik: Allgemeine Fertilitätsrate in Wien 1856 bis 2017 (heutiger Gebietsstand)

Demographisch war diese Zeit durch hohe Fertilitäts- und allmählich sinkende Mortalitätsraten geprägt. Im Jahr 1857 gab es 140 Geburten auf 1.000 Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren in Wien (Weigl 2000). Die allgemeine Fertilitätsrate ging jedoch bis 1910 stetig auf rund 70 Geburten pro 1.000 Frauen zurück, was bereits damals unterhalb des demographischen Erhaltungsniveaus (von etwas mehr als durchschnittlich zwei Kinder pro Frau) lag.

Für die Bevölkerungsentwicklung mitentscheidend war die stetig steigende Lebenserwartung. In Wien herrschte bis um 1870 eine enorme Säuglings- und Kindersterblichkeit, 1869 überlebten ein Viertel der Neugeborenen das erste Lebensjahr nicht, zum Vergleich: Heute sind es 0,4 %. Ursächlich für die geringe Lebenserwartung waren auch Epidemien: Cholera, Typhus und die als „Wiener Krankheit“ bekannte Tuberkulose seien hier genannt. 1867 gehen 26,5 % der Todesfälle in Wien auf das Konto der Tuberkulose.

Während die Tuberkulosesterblichkeit zwar schon in der Zwischenkriegszeit sehr deutlich sank, gelang die medizinische Bekämpfung der „Wiener Krankheit“ vollständig erst nach dem 2. Weltkrieg durch den Einsatz von Antibiotika. Von größerer Bedeutung waren ab den 1870er-Jahren Fortschritte in der Hygiene, befördert durch die Hochquellenleitung. Diese versorgte ab 1873 die Bevölkerung mit Trinkwasser von sehr hoher Qualität, wodurch die Verbreitung von Krankheitserregern erheblich eingedämmt wurde. All das führte zu einem Rückgang der Mortalitätsraten speziell unter Kindern und jüngeren Erwachsenen und damit zu einem deutlichen Anstieg der Lebenserwartung in jüngeren Altersgruppen.


Grafik: Lebenserwartung nach Alter und Geschlecht in Wien 1867 bis 2016 (heutiger Gebietsstand)

Aufgrund der weiterhin hohen Geburtenraten und des gleichzeitigen Rückgangs der Mortalitätsraten wurden während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien erstmals über einen längeren Zeitraum hinweg mehr Geburten als Sterbefälle verzeichnet – dazu mehr im Blogartikel Sterben in Wien. Diese Geburtenüberschüsse führten zusammen mit den durch die damaligen Urbanisierungsprozesse ausgelösten Wanderungsbewegungen, die Wien als Zentrum der Donaumonarchie besonders betroffen haben, zu einem enormen Bevölkerungsanstieg.


Grafik: Komponenten der Bevölkerungsentwicklung in Wien 1869 bis 2017 (heutiger Gebietsstand)

Wien entwickelte sich also ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1910 zur Metropole. Die Bevölkerung wuchs durchwegs mit Raten über 2 % pro Jahr, um die Mitte des 19. Jahrhunderts lagen die Wachstumsraten im Durchschnitt sogar bei 3,5 %. Dies war eine regelrechte Bevölkerungsexplosion, die mit den heutigen Wachstumsraten von Städten in Asien oder Afrika vergleichbar ist. Um die Dimensionen besser fassen zu können, folgend die Bevölkerungszuwächse und -wachstumsraten zwischen den jeweiligen Volkszählungen. Nur zum Vergleich: Graz hat heute 289.000 EinwohnerInnen, Linz 206.000 und die globale Bevölkerungswachstumsrate liegt aktuell bei 1,1 % pro Jahr.

Bevölkerungswachstum in Wien (heutiger Gebietsstand)
Zeitraum Bevölkerungs-
veränderung
durchschnittliche jährliche Wachstumsrate
1851–1857 +125.000 3,5 %
1857–1869 +225.000 2,4 %
1869–1880 +260.000 2,3 %
1880–1890 +270.000 2,1 %
1890–1900 +340.000 2,1 %
1900–1910 +315.000 1,6 %

In Summe wuchs die Bevölkerung Wiens zwischen 1851 (551.000) und 1910 (2.084.000) um mehr als 1,5 Mio. Menschen – eine Vervierfachung in nicht einmal 60 Jahren. Damit war Wien zur Weltstadt geworden – und der Grundstein für eine abwechslungsreiche demographische Entwicklung im 20. Jahrhundert war gelegt.

Weitere Beiträge dieser Serie

 

Literatur und Datenquellen

Weigl, Andreas (2000). Die Wiener Bevölkerungen in den letzten Jahrhunderten. Statistische Mitteilungen 4/2000 der Stadt Wien.
Weigl, Andreas (2000). Demographischer Wandel und Modernisierung in Wien. Wien: Pichler Verlag.
Statistische Jahrbücher der Stadt Wien
Statistik Austria: Bevölkerungsstand und -bewegungen
Bevölkerungsgeschichte Wiens im Wien Geschichte Wiki
 
Wissenschaftliche Beratung: Andreas Weigl (MA 8)

 

Zu den Autoren

  • Ramon Bauer ist stellvertretender Leiter des Dezernats Statistik Wien der Magistratsabteilung 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien.
    @metropop_eu
  •  

  • Klemens Himpele ist Leiter der Magistratsabteilung 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien.
    @KHimpele

4 Kommentare

  • 26. März 2019 von Kurt Hahn

    Sg Herren Bauer und Himpele,

    sehr interessanter und anregender Artikel.
    Ein paar Bemerkung nur:
    Die Graphik über die Fertilitäsraten ist formal richit, nur ein klein wenig irreführen. In der Überschrift steht Allgemeine Fertilitäsrate und die Kurve bezieht sich auch darauf, alerdings ist es durch die beiden Inserts über die Gesamtfertilitäsrate leicht die Überschrift zu übersehen, wie auch der Vollständigkeit halber ein drittes Insert für die 60er Jahre hingehört hätte, da damals die Allgemeine Fertilitätsrate nur knapp über die heutigen, die Gesamtfertilitätsrate aber deutlich höher lag (1.9 zu 1.5).
    Bei den Links unten hätte ich mir statt, bzw eigenlich zusätzlich einen spezielleren Link zum Geschichte Wiki gewünscht, als das wäre https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Bev%C3%B6lkerungsgeschichte.
    Wie es auch wünscheswert wäre, dass die Links automatisch in einem neuen Fenster öffnen.
    Insgesamt aber sehr guter Artikel, der nicht zu lang, aber auch nicht zu oberflächlich gehalten ist, und so vielleicht den Geschmack an der Beschäftigung mit Geschichte und Demographie wecken kann.
    Etwa der enorme Fortschritt in der ÜBerlebenswahrscheinlichkeit der Kinder.
    Da sieht man dann auch über Wörter wie „EinwohnerInnen“ hinweg, die auch bedingt darauf, dass man gendern für sinnvoll hält, wenig Sinn machen außer dem Leser zu zeigen, dass einfach mechanisch gegendert wird, da bei Bewohnern jedem klar ist, dass einfach alle Menschen gemeint sind, und nicht ein Sichtbarmachen von Frauen wie etwa bei Maschienenbauerinnen oder Kanalarbeiterinnen es vielleicht vonnöten ist.

    MfG
    Kurt Hahn

    • 26. März 2019 von wien1x1.at Redaktion

      Sehr geehrter Herr Hahn,

      vielen Dank für Ihr Feedback! Den Link und das Öffnen in neuen Fenstern haben wir angepasst. Bei der Fertilitätsrate ist uns noch nicht zu 100 % klar, was Sie meinen. Wir würden uns über eine weitere Erläuterung sehr freuen.

      Die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen durch die Verwaltung ist durch das Wiener Landesgesetz und daraus abgeleitete Vorschriften vorgegeben.

      Mit besten Grüßen
      Ihre Wiener Landesstatistik

      • 27. März 2019 von Kurt Hahn

        Sg Wr. Landesstatistik,

        wie der Titel und auch vorbildhaft, die wenn auch in grau in grau gehaltene Definition sagt, ist die Fertilitätsgraphik auf Grund der Allgemeinen Fertilitätsrate dargestellt, was vermutlich wegen der Datenverfügbarkeit einfacher war.

        Anfang der 1960er Jahre war sowohl die Allgemeine, also auch die Gesamtfertilitätsrate in Wien höher als jetzt, was wegen der Skala nicht ersichtlich ist.
        Deswegen wäre einem besseren Verständnisses der Fertilitätsentwicklung auch ein Insert der Gesamtfertilitätsrate für Anfang der 1960er Jahre durchaus erhellend.

        MfG
        Kurt Hahn

        • 27. März 2019 von wien1x1.at Redaktion

          Sehr geehrter Herr Hahn,

          vielen Dank für die präzisierte Erklärung. In dieser Grafik wurden nur zwei Annotationen angebracht, da es im Text, zu dem diese Visualisierung gehört, um die Periode vor 1910 (mit Vergleichswert heute) geht. Im zweiten Teil der Blogserie, der sich auch mit dem Babyboom der 1960er-Jahre beschäftigen wird, werden andere Grafiken / Annotationen die von Ihnen genannten Tatsachen klar zeigen.

          Mit besten Grüßen
          Ihre Wiener Landesstatistik

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